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Plädoyer für ein ergänzendes Geldsystem

by mwestendorff last modified 2005-05-30 13:22

Kieler Nachrichten vom 18.02.2005 01:00 Schleswig – Die "Dinge, die man zum Leben braucht, sollen in der Region hergestellt werden können", sagt Prof. Margrit Kennedy, Expertin für regionale Tauschmittel, sprich Regionalgeld.

Es geht darum, das bestehende Geldsystem zu ergänzen, erläuterte die Fachfrau, die auf Vortragsreise in Schleswig Station machte, gestern im Gespräch mit den Kieler Nachrichten. Das traditionelle Geld sei dafür da, mehr Geld daraus zu machen – "eine Zwangsjacke". Der Trick bei einem Regionalgeld – wie es das, wie berichtet, seit Januar 2004 mit dem "Kannwas" auch in Schleswig-Holstein gibt – sei die schnelle Ausgabe, die schnelle Zirkulation, das erzeuge mehr Güter und Dienstleistungen, decke ungenutzte Ressourcen auf, befriedige ungedeckte Bedürfnisse. Niemand verliere dabei. Beim heutigen, zinsorientierten Geldsystem hingegen gewinnen wenige, indem sie Geld auf Geld häuften, "die meisten verlieren", so Prof. Kennedy.

Bereiche wie Bildung, Kultur, Ökologie, Soziales rechnen sich in diesem zinsabhängigen System nicht, sagt die Expertin, von Hause aus Architektin, Stadt- und Regionalplanerin, die unter anderem im Auftrag der UNESCO und der OECD Konzepte für Schulen als Gemeinschaftszentren untersuchte und entwickelte. Sie lehrte und erforschte als erste Professorin in Deutschland von 1991 bis 2002 "Technischen Ausbau und ressourcensparendes Bauen" an der Universität Hannover. Und Margrit Kennedy hat ein plakatives Beispiel parat: Der "Saber" (portugiesisch für "Wissen") ist eine Bildungswährung in Brasilien, die von Weltbank und UNESCO unterstützt wird. In Brasilien sind 40 Prozent der Bevölkerung jünger als 15 Jahre. Der Staat löste eine Milliarde Dollar aus den Privatisierungserfolgen des Mobilfunks und vergab das Geld in Form von Gutscheinen an Schüler. Damit konnten sich Siebenjährige Lehrleistungen bei älteren Mitschülern kaufen, diese wiederum lösten die erworbenen Mittel bei älteren ein... Die über 17-Jährigen können mit Gutscheinen ihre Studienplätze an den Universitäten finanzieren. Die Hochschulen können die Gutscheine bei der Regierung in bares einlösen. Da die Gutscheine von Jahr zu Jahr 20 Prozent an Wert verlieren, ist der schnelle Umschlag von Wert. Letztendlich generiert man einen zehnfachen Nutzen der Ursprungssumme, erklärt Prof. Kennedy. Derartige Ideen werden bereits auch in politischen Kreisen in Berlin diskutiert, weiß sie.

Ein zusätzlicher Nutzen seien neue soziale Beziehungen, niemand verliere dabei. Spekulationen auf dem Weltmarkt, die Gier nach Zinsen seien nicht mehr die Maßgabe. So wie der Euro das Bewusstsein für Europa geschärft habe, könne ein "Regio" das Bewusstsein für die Region prägen, sagt auch Barbara El-Hawari vom Verein Regionalgeld Schleswig-Holstein. Und das könne für Heimatgefühl, gesunde Ernährung und vieles mehr stehen. Und Margrit Kennedy hofft, dass endlich eine erste Gemeinde "ins kalte Wasser springt" und dann auch Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken, die sich in der Region verwurzelt sehen, Regionalwährungen zu ihrer Sache machen.

In Deutschland, Österreich (davon vier) und der Schweiz (zwei) gibt es derzeit 50 Initiativen im Bereich Regionalgeld mit unterschiedlichen Schwerpunkten. In Schleswig-Holstein hat der "Kannwas" zurzeit 114 Teilnehmer, vor allem aus Stormarn, Kiel, Schleswig, Eckernförde und Rendsburg und demnächst Itzehoe (zu finden unter www.kannwas.org). Das Spektrum reicht vom Naturkostladen über Copyshop, Blumengeschäft, Zahnarzt bis zur Kfz-Werkstatt. Eine Regionalwährung, so Barbara El-Hawari, ist ein gangbarer Weg, um den negativen Folgen der Globalisierung zu begegnen, regionale Wertschöpfung zu schaffen und Überschüsse in der Region zu nutzen.

Von Rainer Langholz nordClick/Kieler Nachrichten vom 18.02.2005 01:00


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