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Die ZEIT über die Ohnmacht der Arbeiter (bisher noch ohne Hinweis auf das verkehrte Geldsystem)

by admin last modified 2005-05-30 01:51

DIE ZEIT 47/2004: Das Jahr der Demontage Weniger Lohn, weniger Urlaub, weniger Einfluss - die Arbeitnehmer erleben eine epochale Entmachtung. Von Siemens bis Opel stellen die Unternehmen sie vor die Wahl: Entweder sie geben nach, oder sie können gehen

Von Dietmar H. Lamparter, Kolja Rudzio und Wolfgang Uchatius

Es ist einer der letzten warmen Herbsttage, der Ölpreis steigt, und bei Opel in Bochum spielen sie Fußball. Die Arbeit ruht, die Arbeiter streiken, der junge Peter Jaszczyk ist ihr Anführer. Ein großer, kräftiger Mann, 30 Jahre alt, lange Haare, überzeugter Kommunist. Angesichts des teuren Benzins fordert er mehr Lohn für sich und die Kollegen. Er weiß um ihre Stärke. In Bochum bauen sie die Achsen für Werke in halb Europa. Jetzt stockt überall die Produktion. Dem Management bleibt keine Wahl. Sie erhöhen die Löhne der Opel-Arbeiter. Um 8,5 Prozent, plus außertariflicher Teuerungszulage.

So war das damals. Im Jahr 1973.

Es ist einer der letzten warmen Herbsttage, der Ölpreis steigt, und bei Opel in Bochum haben sie Angst. Die Arbeit ruht, die Arbeiter streiken. Drei Wochen ist das her. Diesmal stand ihnen nicht der Sinn nach Fußball. Diesmal fürchteten sie um ihre Jobs. Obwohl nach 40 Jahren bei Opel inzwischen im Vorruhestand, war auch Peter Jaszczyk wieder dabei. 61 ist er heute, Exbetriebsratschef, Exkommunist, die Haare sind jetzt kürzer. Er weiß um die Schwäche seiner Kollegen. Noch immer bauen sie in Bochum die Achsen für andere Werke, aber heute kursieren Gerüchte, das Management wolle die Fertigung nach Tschechien verlagern. Nach einer Woche beendeten die Arbeiter den Streik. Seitdem verhandeln Gewerkschaft und Betriebsrat mit dem Vorstand. In den nächsten Tagen werden sie sich einigen, dann werden traurige Zahlen über gestrichene Stellen und gesunkene Löhne in den Zeitungen stehen. »Die Kollegen, die heute die Gespräche führen, haben keine Chance mehr, etwas zu beeinflussen«, sagt Peter Jaszczyk.

So ist das heute. Im Jahr 2004.

Für die Arbeitnehmer ist es ein Jahr der Niederlagen: Erst droht Siemens damit, die Produktion von Handys und Schnurlostelefonen aus Bocholt und Kamp-Lintfort nach Ungarn zu verschieben. Dann kündigt DaimlerChrysler an, die Mercedes C-Klasse künftig womöglich statt in Sindelfingen in Bremen und Südafrika zu bauen. Schließlich denkt VW für den Fall, dass die Personalkosten in den westdeutschen Werken nicht deutlich sinken, über 30000 Entlassungen nach.

Und die Belegschaft, der Betriebsrat, die IG Metall? Sie geben nach.

Ende Juni steht fest: Bei den Siemens-Telefonmonteuren wird wieder die 40-Stunden-Woche eingeführt, ohne Lohnausgleich. Ende Juli zeigt sich: Bei Mercedes verzichten die Mitarbeiter auf Pausenzeiten und schon vereinbarte Lohnerhöhungen. Anfang November ist klar: Bei VW gibt es zweieinhalb Jahre lang keine Lohnsteigerungen mehr, Überstunden werden nicht mehr bezahlt, Neueinsteiger verdienen künftig 20 Prozent weniger. Selbst mit der dafür eingehandelten Arbeitsplatzgarantie bis zum Jahr 2011 ist es nicht weit her. Sie kann laut »Revisionsklausel« im Falle von »wesentlichen Änderungen der Grundannahmen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen« mit Frist von drei Monaten gekündigt werden.

Dem Beispiel der Großen folgen viele kleinere Unternehmen. Auch beim Reifenhersteller Continental in Hannover und beim Kupplungsbauer LuK im badischen Bühl muss die Belegschaft zum alten Lohn länger arbeiten. In Ulm und Neu-Ulm bauen die Arbeiter von EvoBus ihre Busse samstags jetzt ohne Zuschläge, bei ZF in Friedrichshafen verzichteten die Arbeitnehmer auf Teile ihres Einkommens, damit die schweren Nutzfahrzeuggetriebe weiter am Bodensee und nicht in Ungarn montiert werden. Und überall im Land kürzen Unternehmen ihrer Belegschaft das Weihnachtsgeld.

Lohnkürzung, Nullrunde, Mehrarbeit. Die Republik erlebt in diesen Monaten einen in ihrer Geschichte beispiellosen Prozess: die Entmachtung der Arbeiter. Die Demontage eines deutschen Mythos.

Die Mechaniker von Daimler, die Schweißer von Opel, die Schlosser von VW oder die Monteure von Siemens waren Symbole bundesrepublikanischer Wirtschaftskraft. Sie verkörperten Fleiß, Disziplin und die hohe Qualität deutscher Produkte. Sie schufen Wohlstand für alle. Vorbei. »Heute müssen sich die Arbeiter hierzulande ständig sagen lassen, sie seien zu teuer, zu faul und jederzeit durch billigere Konkurrenten im Ausland ersetzbar«, sagt der Soziologe Nick Kratzer vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München.

Vor allem hören sie solche Vorwürfe längst nicht mehr nur von den Unternehmen. Dass BDI- und Arbeitgeberpräsidenten alle paar Tage die Abschaffung der Mitbestimmung oder die Lockerung des Kündigungsschutzes fordern, ließe sich vonseiten der Arbeiterschaft noch als Gerede der Gegenseite abtun. Inzwischen aber findet selbst die rot-grüne Regierung nichts mehr daran, einen Feiertag abzuschaffen, rufen selbst Spitzenpolitiker der SPD wie Wolfgang Thierse nach der Rückkehr zur 40-Stunden-Woche.

Der deutsche Arbeiter scheint seine letzten mächtigen Freunde zu verlieren.

Was aber sind die Gründe für seine Ohnmacht? Versuchen hier ein paar gierige Manager mit allen Mitteln, die Arbeitnehmerschaft zu disziplinieren? Oder ist die Sache doch ein wenig komplizierter? Sind hier womöglich Kräfte am Werk, die dazu führen, dass auch die Unternehmenschefs mehr Getriebene als Treiber sind?

An einem sonnigen Frühlingstag sitzt einer der einflussreichsten deutschen Manager in einer Luxuslimousine und lässt sich fahren. Nach elfstündigem Flug ist Heinrich v. Pierer gelandet. Er wirkt so fit wie lange nicht, gerade erst hat er sich ein paar Kilo abtrainiert. Mit schnellen Schritten ist er durch den großen Flughafen ins Freie geeilt. Shanghai.

Schon die Fahrt vom Flughafen in die City gerät zur Besichtigungstour in Sachen Wirtschaftsboom. Wo früher Sümpfe moderten, stehen heute Fabrikhallen und Bürotürme mit modernen Konferenzräumen.

Pierer spricht vor chinesischen Geschäftspartnern und Journalisten aus der ganzen Welt. Er hält zehn Reden in sechs Tagen, lädt 800 Gäste zum Galadiner und sagt auf Chinesisch einen Trinkspruch auf, der übersetzt so viel bedeutet wie »Lasst uns gemeinsam reich werden«. Das kommt seinen Absichten ziemlich nahe.

Mehr als eine Milliarde Euro will Siemens in China investieren, den Umsatz verdoppeln, mehr als tausend neue Ingenieure einstellen. Die Handyfabrik in Shanghai, fast baugleich mit dem Werk im nordrhein-westfälischen Bocholt, schafft derzeit 14 Millionen Telefone im Jahr, künftig sollen es 20 Millionen sein. Heinrich v. Pierer sagt: »Kein deutsches Unternehmen ist heute so global aufgestellt wie Siemens.« Und: »Wir wachsen da, wo unser Geschäft wächst.«

Und das ist nicht in Deutschland.

Als vor 15 Jahren die Mauer fiel, verwandelte sich das einst kommunistische Osteuropa in einen riesigen Billigstandort. Die Chinesen erwärmten sich für den freien Markt, und die Inder wandten sich von der Staatswirtschaft ab. So gewann der Kapitalismus ungeahnten Raum – und eine alte ökonomische Weisheit neue Tragweite: Kapital ist mobil, Arbeiter sind es nicht. Doch je weniger deutsche Unternehmen an Deutschland gebunden sind, desto schwächer ist die Verhandlungsposition deutscher Arbeitnehmer.

Vor allem, wenn sie so ziemlich das Gegenteil von globalisiert sind. In den alten Autofabriken wie dem VW-Werk in Wolfsburg dominiert noch immer der Traditionsarbeiter. »Sein Vater war bei VW, sein Bruder ist bei VW, er selbst auch, und er hatte nie vor, woanders zu arbeiten«, beschreibt der Münchner Soziologe Nick Kratzer diesen Typus. Wenn so jemand mit der Möglichkeit der Standortverlagerung und der Forderung nach Lohnverzicht konfrontiert sei, habe er keine Wahl. »Der findet in Wolfsburg nie eine gleichwertige Stelle, und wegziehen kann er auch oft nicht wegen der Familie.«

Also gibt er nach.

So gesehen, hängt der Machtverlust deutscher Arbeiter direkt mit der Abwanderung deutscher Unternehmen zusammen. Laut Umfragen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages wächst unter hiesigen Firmen seit Jahren die Bereitschaft, im Ausland zu investieren. Vergangenen Sommer gaben 43 Prozent aller befragten Unternehmen an, sie würden sich in diesem Jahr außerhalb Deutschlands engagieren, vor fünf Jahren waren es nur 30 Prozent. Die Verlagerung von Produktionszweigen in Niedriglohnländer stehe in Deutschland noch am Anfang, schreiben die Unternehmensberater der Boston Consulting Group in einer Studie. Innerhalb der nächsten zehn Jahre könnten bis zu zwei Millionen Arbeitsplätze ins Ausland verschwinden.

Zwar sagen einige Statistiken, dass die tatsächliche Entwicklung weniger dramatisch verlaufe, als es spektakuläre Verlagerungspläne von Siemens und Co. vermuten lassen. Die Abwanderungsdiskussion in Deutschland sei »mehr Mythos als Tatsache«, urteilte kürzlich sogar die Investmentbank Morgan Stanley in London, die statt von mehreren Millionen nur von 300000 Jobs spricht, die seit Anfang der neunziger Jahre wegen der niedrigeren Lohnkosten nach Osteuropa abgewandert seien.

Aber vermutlich spielt die Frage, wann genau wie viele Stellen wohin verloren gehen, gar keine so große Rolle. »Allein die Möglichkeit der Produktionsverlagerung kann die Machtverteilung zwischen Arbeit und Kapital verändern«, sagt der Essener Betriebswirtschaftsprofessor Werner Nienhüser. Zumal dann, wenn 4,5 Millionen Menschen verzweifelt einen Job suchen.

Kein Wunder also, dass die Industriearbeiter und ihre Vertreter erpressbar werden. »Dies ist nicht die Zeit der krachenden Tarifrunden«, räumte Berthold Huber, Vizechef der IG Metall, vergangene Woche ein. Tatsächlich sind die Gewerkschaften so schwach wie nie zuvor in der Nachkriegsgeschichte. Die Zahl ihrer Mitglieder sinkt: Vor zehn Jahren waren es zehn Millionen, heute sind es nur noch rund sieben Millionen. Von Jahr zu Jahr binden sich weniger Unternehmen an den von den Gewerkschaften ausgehandelten Flächentarif. Mittlerweile sind es nur noch 43 Prozent aller westdeutschen Betriebe und gerade einmal 21 Prozent aller Ostfirmen.

Sogar dort, wo Tarifverträge noch gelten, versuchen immer mehr Unternehmen, die Löhne zu drücken. Zum Beispiel beim Filterhersteller Mann + Hummel in Ludwigsburg. Dort sollten alle 1750 Beschäftigten fünf Stunden pro Woche ohne Bezahlung arbeiten, das Weihnachts- und Urlaubsgeld sollte halbiert und die tariflich bereits vereinbarte Lohnerhöhung im kommenden Jahr gestrichen werden. »Dabei geht es dem Unternehmen blendend, in diesem Jahr wird es wohl noch mehr Gewinn machen als im Vorjahr«, sagt Sabine Zach, Zweite Bevollmächtigte der IG Metall in Ludwigsburg. »Die wollen nur die Gunst der Stunde nutzen.«

Vergangene Woche brach die IG Metall die Verhandlungen mit der Unternehmensführung ab. »Man kann doch niemandem erklären, dass er ohne Lohn noch mehr arbeiten soll, nur damit der Profit noch um ein paar Prozent steigt«, schimpft Sabine Zach. Das Unternehmen beharrt jedoch darauf, die Kostensenkungen seien nötig, und will die Gespräche bald wieder aufnehmen.

Arbeitsplatzverlagerung trotz guter Gewinnlage? Auf den ersten Blick erscheint das als Ausnahmefall und der Gang ins Ausland meist als letzte Rettung vor der Insolvenz. Die deutsche Wirtschaft wächst nur zaghaft, allerorten klagen Unternehmen über den harten Konkurrenzkampf. Erst vergangene Woche meldete das Statistische Bundesamt einen neuen Rekord bei den Unternehmenspleiten.

Tatsächlich ist das drohende Scheitern selten der Grund für die Abwanderung ins Ausland. Die Insolvenz trifft vor allem kleine, im Inland agierende Firmen. Die Gewinne der Kapitalgesellschaften dagegen stiegen seit 1993 inflationsbereinigt um fast 60 Prozent. »Die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen ist hervorragend«, sagt Harald Jörg, Volkswirt der Dresdner Bank in Frankfurt. Die 30 im Dax enthaltenen Unternehmen konnten ihre Gewinne allein im vergangenen Jahr um 30 Prozent steigern.

Der VW-Konzern, Mercedes, Siemens – sie alle schreiben schwarze Zahlen. Der Reifenhersteller Continental steuert gar ein Rekordergebnis an. Trotzdem drohte der Vorstand jeweils mit Verlagerung der Produktion und verlangte Lohnkürzungen. Immer gibt es einen noch erfolgreicheren Konkurrenten, der den eigenen Leuten als Benchmark vorgehalten werden kann. Immer könnte das Ergebnis noch besser, der Gewinn noch größer, der Aktienkurs noch höher sein.

Nach einer Studie der Privatbank Sal. Oppenheim ließe ein Lohnabschlag von fünf Prozentpunkten bei den Dax-Unternehmen den Börsenindex um rund 350 bis 380 Punkte steigen. Das setzt nicht nur die Arbeiter unter Druck, sondern auch die vermeintlichen Machthaber: die Manager. Sie müssen sich verantworten, wenn sie diesen Abschlag nicht durchsetzen. Sie werden dann ziemlich schnell ziemlich ohnmächtig.

Auch dies zeigt das Beispiel Heinrich v. Pierer.

VW und Mercedes bauen Autos, Continental produziert Reifen. Und Siemens? Siemens macht alles Mögliche. Der Konzern stellt Kraftwerke her, Glühlampen, Kühlschränke und Computertomografen, Hochgeschwindigkeitszüge und Mobiltelefone, automatisiert Stahlwerke und erledigt EDV-Dienstleistungen. Seit zwölf Jahren steht Heinrich v. Pierer an der Spitze von Siemens und seinen weltweit 415000 Mitarbeitern.

Fast nie in dieser Zeit waren alle Sparten des Konzerns gleichermaßen rentabel, fast immer steckte die eine oder andere in der Krise. Mitte der neunziger Jahre etwa traf es die im fränkischen Erlangen angesiedelte Medizintechnik. Managementfehler und Sparprogramme im Gesundheitssystem erwiesen sich als fatale Mischung für »Siemens-Med«. Pierer aber, der selbst in Erlangen wohnt, tauschte ein paar Manager aus und versuchte Entlassungen ansonsten zu vermeiden. Mit viel Einsatz brachte er 1997 ein lokales Bündnis für Arbeit zustande, das neue Investitionen und die nachhaltige Sanierung ermöglichte. Drei Jahre später schrieb Siemens-Med wieder ansehnliche Gewinne.

Das war der alte Heinrich v. Pierer.

Inzwischen sagt er: »Heute könnten wir so etwas nicht mehr machen.« Denn heute bekäme Pierer sehr schnell Schwierigkeiten mit Leuten, die er vor ein paar Jahren noch ärgerlich als »junge Burschen« abtat und die er und sein Finanzchef heute regelmäßig zu Gesprächen im kleinen Kreis empfangen. Sie arbeiten für die Eigentümer von Siemens. Oder genauer für die zeitweiligen Eigentümer: für Investmentfonds, die im Auftrag ihrer Anleger die Aktien von Unternehmen kaufen – und die Papiere nur so lange halten, wie sie sich ausreichend Rendite versprechen.

Um den Tisch sitzender Vorstandsvorsitzende, der Finanzvorstand, der Chef der Investor Relations, der für die guten Beziehungen zu den Anlegern zuständig ist, und Karl Fickel, Chef der Frankfurter Investmentfondsgesellschaft Lupus Alpha, nebst einem seiner Fondsmanager. Eine Sekretärin reicht Kaffee, auf dem Tisch liegen Schoko- und Müsliriegel, kurzes Geplauder, dann macht Fickel Druck.

Er ist ein Aufsteiger. Hat als Trainee bei einer Bank begonnen, sich hochgearbeitet, jetzt ist er 42 Jahre alt, trägt stets Fliege, nie Krawatte. Und fragt vor allem nach einem: nach Zahlen, an denen der künftige Gewinn des Unternehmens hängt.

Wie viele Aufträge haben Sie? Wie viele Neukunden? Um wie viel Prozent haben Sie die Kosten gesenkt? Da müssen Manager, die es gewohnt sind, selbst die Fragen zu stellen, nicht selten um eine Antwort ringen.

So in etwa läuft es ab, wenn Karl Fickel eine Grillparty feiert. Grillen. Das sagt man in der Branche, wenn die Mitarbeiter der wichtigen Investmentfonds die Chefs der wichtigen Unternehmen verhören. Längst sind es nicht mehr nur die Konzerne, die da auf dem Prüfstand stehen. Fickel zum Beispiel ist auf Small und Midcaps spezialisiert, auf kleine und mittelgroße an der Börse notierte Unternehmen. Maschinenbauer, Dienstleister aus der Provinz. Deren Chefs plädieren gelegentlich dafür, man möge ihnen doch bitte Zeit geben und nicht nur auf die Kosten schauen. »Natürlich ist das im Prinzip vernünftig«, sagt Fickel. »Aber dann läuft der Kurs zwei Quartale hintereinander schlechter als erwartet, und schon wirst du nervös.«

Denn dieser Karl Fickel, der mit Managern mitunter diskutiert, diesen oder jenen unrentablen Geschäftsbereich abzutrennen, ist in Wahrheit auch nur ein Getriebener. Wenn der Aktienkurs eines Unternehmens schlecht läuft, muss Fickel seine Anteile abstoßen. »Dann kann es nur eine Antwort geben: Raus«, sagt er. Sonst verdirbt der schlechte Kurs die Rendite seines gesamten Portfolios. Sonst wird er selbst abgestoßen – von den Anlegern. Es gibt ja genug andere Investmentfonds.

Seit Jahren steigt die Zahl der Fondsanbieter in Deutschland. Von den großen Publikumsfonds bis zu den kleinen spezialisierten Nischenfonds konkurrieren immer mehr Finanzunternehmen um die Gunst privater Investoren. Von denen haben manche frisch geerbt, andere wollen nur ein wenig Geld fürs Alter zurücklegen. In den Boomjahren der New Economy konnten sie dabei wenig falsch machen. Egal, welchem Fonds sie vertrauten, fast jeder fuhr zwanzig oder dreißig Prozent Rendite ein. Heute aber müssen die Finanzprofis um jeden Prozentpunkt kämpfen. Mit einer für sie unangenehmen Folge. »Die Anleger sind kritischer geworden«, sagt Thomas Richter vom Marktführer DWS. Und der Wettbewerb unter den Fonds ist härter geworden.

Es ist der alte Gegensatz von Arbeit und Kapital: Die privaten Anleger setzen Fondsmanager unter Druck. Die Fondsmanager grillen Unternehmensmanager. Die Unternehmensmanager entlassen Arbeiter.

Und die Arbeiter? Können sie dem Diktat der Anleger etwas entgegensetzen?

Wenn Konzerne mit Abwanderung vom Standort Deutschland drohen, helfen Streiks in Deutschland kaum weiter. Die Arbeitnehmer würden nur ihrem Management zuvorkommen und ihre Fabrik gleich selbst stilllegen.

Wirkungsvoller wäre ein Streik in Ungarn, China, Amerika, Südafrika oder wohin auch immer das Unternehmen verlagern will. Wenn die billigen Kollegen im Ausland sich weigerten, die teure Produktion aus Deutschland zu übernehmen, hätten die deutschen Arbeitnehmer gewonnen. Diese Idee von der Internationalisierung der Arbeit als Antwort auf das mobile Kapital ist der alte Traum der Gewerkschafter.

Bisher blieb er unerfüllt.

Zwar versuchen Betriebsräte und Gewerkschafter verschiedener Konzerne längst, europa- oder gar weltweit zusammenzuarbeiten, um sich nicht beliebig gegeneinander ausspielen zu lassen. Aber selbst Erich Klemm, oberster Arbeitnehmervertreter bei DaimlerChrysler, sagt, dass Weltbetriebsräte in erster Linie der »Information und Konsultation« dienten. Die deutschen Betriebsräte haben sogar einen ihrer Aufsichtsratsplätze für einen Kollegen der amerikanischen Automobilarbeitergewerkschaft UAW frei gemacht. Dennoch schafften es die IG Metall und die UAW bis heute nicht einmal, im Mercedes-Werk Tuscaloosa im US-Staat Alabama eine gewerkschaftliche Vertretung zu installieren.

Und was hätte der europäische Betriebsrat von Siemens ausrichten können, wenn sich der Vorstand entschlossen hätte, tatsächlich in Ungarn eine neue Handyfabrik zu bauen und dadurch das Werk in Bocholt zu ersetzen? Hätte er ungarische Arbeitslose überreden sollen, die dadurch neu entstehenden Jobs abzulehnen?

Dem Ansinnen des amerikanischen Mutterkonzerns General Motors, europaweit 12000 Stellen zu streichen, stemmen sich die Betriebsräte von Opel, Saab und Vauxhall im Europäischen GM-Arbeitnehmerforum (EEF) entgegen. Unter die »nationalen Tarifverträge« wollten sie nicht gehen, haben sie sich gegenseitig versprochen. Auch dann nicht, wenn Werke wie Rüsselsheim und das schwedische Trollhättan direkt gegeneinander ausgespielt werden. »Die Solidarität mit den Schweden funktioniert«, sagt Opel-Betriebsratschef Klaus Franz.

Wirklich? Wenn es am Ende heißt, entweder ihr oder sie, wird die Versuchung groß sein, ein klein bisschen billiger zu werden als der andere Standort.

Der Münchner Soziologe Ulrich Beck schlägt deshalb einen neuen Weg vor. Da alle Arbeiter gleichzeitig auch Verbraucher sind, sollten sie sich ihrer Konsummacht bewusst werden. Denn, so Beck, »selbst allmächtige Weltkonzerne können ihre Konsumenten nicht entlassen«.

Ein Beispiel dafür, wie Verbraucher einen Konzern lenken können, ist der Sportartikelhersteller Nike aus den USA. Wegen der üblen Arbeitsbedingungen in seinen asiatischen oder lateinamerikanischen Fabriken stand das Unternehmen derart unter Beschuss, dass es schließlich humaner produzieren musste. Doch lässt sich das auf Fälle wie Siemens, VW oder Mercedes übertragen? Wäre den Automobilarbeitern in Bochum geholfen, wenn die IG Metall dazu aufriefe, keinen Opel mehr zu kaufen, solange das Management mit Entlassung droht? Die Deutschen fahren ja ohnehin immer seltener Opel.

Vielversprechender wäre eine andere Strategie: Statt ihrer Konsum- könnten die Arbeitnehmer ihre Kapitalmacht nutzen. Denn der Konflikt zwischen privaten Anlegern und Arbeitnehmern konzentriert sich nicht selten in ein und derselben Person. Immer mehr Arbeiter sind selbst Anleger. Seit 1993 hat sich in Deutschland der Geldzufluss in Aktienfonds fast vervierfacht. In steigendem Maße stammt das Geld aus unteren und mittleren Einkommensschichten, nicht selten in Form einer staatlich geförderten Altersvorsorge.

Arbeiter als Kapitalisten – daraus ließe sich eine immense Marktmacht schaffen. Die Gewerkschaften könnten eigene Investmentfonds aufbauen und Unternehmensanteile erwerben. Dann könnten die Arbeiter, statt auf Profite zu pochen, jene Manager grillen, die ihrer Belegschaft die Löhne kürzen. Theoretisch.

In der Praxis gibt es solche gewerkschaftseigenen Investmentfonds längst. In Amerika. Dort zeigt sich allerdings Ernüchterndes. »Die Debatten auf der Kapitalseite und das sonstige Engagement der Gewerkschaften sind meistens streng getrennt«, sagt Charles Elson, Wirtschaftsforscher von der University of Delaware. Soll heißen: Auch die Gewerkschaftsfonds achten weniger auf hohe Löhne als auf hohe Renditen.

Ihre Anleger, die Arbeiter, wollen es so.

MITARBEIT: Thomas Fischermann, Robert von Heusinger, Jutta Hoffritz

Unsere Ergänzungsfrage:

Warum nicht bessere Spielregeln für das Geld?

© 2004 Dr. Frank Schepke Hof Seekamp D-24250 Löptin Tel.: 04302-354


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