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Dem Euro die Stirn bieten: Regionalwährungen im Aufschwung

by mwestendorff last modified 2005-06-02 18:26

Wien (dpa) - Politik und Wirtschaft in den neuen EU-Staaten tun alles, um möglichst bald der Eurozone beizutreten. Gleichzeitig finden sich in den Ländern, in denen der Euro die nationale Währung längst ersetzt hat, regionale Zahlungsmittel im Aufschwung. Am Chiemsee und am Prenzlauer Berg, im West-Allgäu und in Bremen zahlen Bürger mit neuen Währungen.

aus www.freenet.de vom 26. Mai 2005

Die Gegenbewegung zur Internationalisierung gibt sich klingende Namen. Über den Ladentisch gehen «Sterntaler», «Rheingold» oder «Kirschblüten» über den Ladentisch. Nun hat sich als erste österreichische Region das Waldviertel eine eigene Währung gegeben.

Im Nordosten Niederösterreichs macht der «Waldviertler» die Runde. «Es ist keine Ersatzwährung, sondern eine Zusatzwährung», erklärt Uwe Kranner vom «Verein für regionales Wirtschaften» mit Sitz in Schrems. Bisher haben sich rund 125 Betriebe zusammengeschlossen mit dem Ziel, Kaufkraft zu binden und die regionale Wirtschaft zu stärken.

Die Scheine werden über eine Mitgliedschaft im Verein erworben und 1:1 gegen Euro eingetauscht. Die Noten sehen aus wie richtiges Geld, sind von Künstlern gestaltet und werden von ortsansässigen Betrieben akzeptiert. Zur Zeit sind knapp 15 000 «Waldviertler» im Umlauf - deklariert als «Gutscheine». Mit diesem Trick ist das Währung-in- Währung-System steuerlich und rechtlich abgesichert.

Heinrich Staudinger, selbst Gründer einer Schuh- und Möbelerzeugung mit 30 Angestellten, ist Motor der Initiative. Der Mittfünfziger bricht die allgemeine Kritik am globalisierten Wirtschaftssystem auf die regionalen Verhältnisse in der Abwanderungsregion Waldviertel herunter: «Wir wissen, dass täglich ein Wert von rund 30 000 bis 50 000 Euro aus der Region in die Zentralen der großen Konzerne abgezogen werden. Dass das Geld abwandert, wäre ja wurscht. Aber es wandern auch die Menschen ab. Das führt zu der problematischen Situation, dass ganze Bevölkerungsschichten bei uns fehlen», analysiert der Unternehmer.

Sein Verein nimmt sich die Freiwirtschaftslehre des Anti- Kapitalisten Silvio Gesell (1862-1930) zum Vorbild, die auf möglichst schnellem Geldumlauf basiert: Pro Quartal verliert der «Waldviertler» zwei Prozent an Wert, also lohnt sich das Horten von Geld nicht. Jeweils zu Beginn eines neuen Quartals müssen «Waldviertler»-Besitzer ihre Scheine um 20 Prozent abwerten - mit einem Aufkleber in entsprechender Höhe. «Also hat jeder Interesse, sein Geld so schnell wie möglich auszugeben», erläutert Kranner. «Nicht die Geldmenge führt zum Wohlstand, sondern die Umlaufgeschwindigkeit», ergänzt Staudinger.

Am 1. Mai startete der Verein die Initiative, und die «Waldviertler»-Scheine wurden von den Menschen rasch als Zahlungsmittel angenommen. Ziel ist, möglichst viele heimische Betriebe aufzunehmen und eine Grundversorgung in der Region aus der Region zu sichern. «Ein Wunsch wäre, dass die beteiligten Betriebe an Weihnachten ihren Mitarbeitern je 100 Waldviertler schenken», gibt Staudinger als Ziel an. «Es soll kein Anti-Projekt zum Euro sein», wehrt Kranner ab.

Mit ihrer Initiative sind die niederösterreichischen Währungs- Einsiedler nicht allein in der Euro-Zone: 40 ähnliche Währungsringe, teils schon funktionierend, teils in Plaung, zählt die Arbeitsgemeinschaft für Regionalwährungen «Regionetzwerk» in Deutschland. Die Initiativen bilden eigene Systeme neben der europäischen Währung und setzten gezielt einen Kontrapunkt zur Globalisierung. «Ich sehe das als einen seriösen Rettungsboot-Bau- Kurs», beschreibt Staudinger diese Initiativen: «Und das Interessante ist, dass das Rettungsboot umso besser funktioniert, je mehr Menschen einsteigen».


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