38. Bremer Montagsdemo am 23. 5. 2005 - Wir wollen nicht mehr die Zinssklaven des Geldkapitals sein
Aus der Rede von Dietlind Rinke: Diese Thematik finden Sie leider nie in Tageszeitungen oder Journalen: Wir alle sind Sklaven eines Prinzips, das der Kapitalismus mit sich bringt! Herr Müntefering hat hier eine Diskussion in Gang gebracht, doch leider nur die Moral der großen Unternehmen als „Heuschrecken-Mentalität“ kritisiert. Das prangert Auswüchse menschlicher Handlungsweisen an, nicht aber das zugrunde liegende Geldsystem!
Für ausgeliehene Beträge wird Zins erhoben. Man muss, wenn man borgt, mehr zurückzahlen, als man geliehen hat, und wer so viel hat, dass er sein Geld verleihen kann, erhält mehr zurück, als er verliehen hat! Damit sind wir alle einverstanden, sogar die Kirchen, dachten doch alle, davon zu profitieren!
In jedem Produkt sind 25 bis 40 Prozent Zinsen enthalten. Für jede Fertigungsstufe werden Maschinen, Gebäude, Materialien benötigt, zu deren Anschaffung Kredite aufgenommen werden. Diese kosten Zinsen, die der Unternehmer dem Verkaufspreis aufrechnet. Durch alle Fertigungsstufen summieren sich die Zinsen bis zu 40, bei Mieten sogar 75 Prozent. Wer viel Geld „anlegen“ kann, hat die Möglichkeit, durch den Zinseszins sein Kapital innerhalb von 15 Jahren zu verdoppeln, ohne „einen Finger krumm zu machen“!
Wir zahlen für alle Dinge, die wir erwerben müssen, um unser Leben zu fristen, solche aufgerechneten Zinsen. Die Preise steigen, und die Schulden verdoppeln sich in diesen 15 Jahren ebenso. Das bemerken inzwischen besonders die Menschen, die aus dem Arbeitsprozess „herausgerechnet“ werden. Die Schulden von Staat und Kommunen erhöhen sich in gleichem Tempo. Kürzungen und Sparmaßnahmen werden uns als notwendige Maßnahmen verkauft!
Doch alle Schuldenbedienung ist Reichenbedienung! Eigentlich ist Bremen eine wohlhabende Stadt, hier wohnen die meisten Millionäre, wie man sagt. In der Landesverfassung steht: „Eigentum verpflichtet gegenüber der Gemeinschaft, sein Gebrauch darf dem Gemeinwohl nicht zuwiderlaufen“. Verzichteten diese reichen Menschen zwei Jahre lang auf ihre Einkünfte aus Zinszahlungen, wären die gesamten Schulden unserer Stadt getilgt!
Warum werden die Arbeitenden zu immer größeren Entbehrungen und Anstrengungen aufgefordert, um dieses erste Gebot zu erfüllen, das Zahlen von Zins- und Zinseszins, anstatt auch Tribut von jenen zu fordern, die Reichtum einheimsen, ohne ihrer sozialen Verpflichtung nachzukommen? Wir fordern ein Moratorium von zwei Jahren: ein Anhalten der Schuldenuhr, keine Zinszahlungen, um dann schuldenfrei wieder eine attraktive Kultur-, Wirtschafts- und Lebensstadt zu werden und die Zukunftsaufgaben auf menschliche Weise miteinander meistern zu können!
Da diese Forderung bei denen, die Geld und Macht haben, auf taube Ohren trifft, können wir nur klein beginnen: Wir machen unsere eigene regionale Währung! So nehmen wir das Geld in die eigenen Hände und lassen es in unserer Region kreisen, damit alle Teilnehmer davon profitieren. Es wandert weder in andere Länder noch in die Spekulation, denn diese Gelder, die hier verdient werden, können nur hier wieder ausgegeben werden! Das erscheint uns als einzige Möglichkeit, uns aus diesem Teufelskreis herauszubewegen!
In der Fernsehsendung „Buten & Binnen“ hat Folker Hellmeyer, Sprecher der Bremer Landesbank, auf die Frage nach der Roland-Währung geantwortet: „Hier sind Idealisten am Werk, die sich mit der Fragilität unseres Finanzsystems auseinandergesetzt und Schwachstellen erkannt haben und als Antwort ein regionales System etablieren wollen. Wer die Region unterstützen will, ist sicherlich damit sehr gut bedient. Für mich wäre es durchaus möglich, dass ich mich daran beteilige!“
Hellmeyer zeigte auch auf, dass es ähnliche Experimente schon 1929/30 gegeben hat, die außerordentlich erfolgreich waren. In Wörgl in Tirol wurden Arbeitsbeschaffungsscheine als Lokalwährung von der Gemeinde ausgegeben und liefen so schnell von Hand zu Hand, dass man von einem „Wunder von Wörgl“ sprach: Plötzlich war dort Arbeit wieder bezahlbar, die Arbeitslosigkeit ging zurück, die Inflation wurde aufgehalten und die Gemeinde schaffte es, in diesem Jahr eine Straße samt Laternen zu erneuern, eine Brücke und eine Skischanze zu bauen und die Küche der Wohlfahrtseinrichtung zu renovieren. Mit einer Art „Nachhaltigkeitsgebühr“ konnte sie an die Armen Essen austeilen. Viele Gemeindevertreter machten sich damals auf den Weg, diesem Beispiel zu folgen, bis die Zentralbank Einhalt gebot.
Heute sind die Gesetze anders, wir haben Vertragsfreiheit. Inzwischen gibt es 80 Regionalgeld-Initiativen in Deutschland, die so das Geld in die eigenen Hände nehmen. Eine dieser Initiativen geht von der Sparkasse Delitsch aus. Unsere Politiker können keinen Ausweg aus dem Dilemma des Raubtier-Kapitalismus finden. Hans Eichel, dem das Prinzip von Herrn Janski, Begründer des „Urstromtalers“ in Sachsen-Anhalt, vorgestellt wurde, sagte: „Machen Sie es!“
Um sich dem Währungsring anzuschließen, unterschreibt man eine „Vereinbarung“ mit dem Verein Roland-Reginal und entrichtet die einmalige Beitrittsgebühr von zehn Euro. Man erhält dann den Mitgliedsausweis und die Listen der Angebote sowie aller Teilnehmenden. Es gibt schon viele Geschäfte in und um Bremen, die mitmachen: ökologische Landwirte, Marktstände, Reformhäuser, den Ökotop-Laden im Beginenhof und Naturkostgeschäfte bis hin zum Großmarkt, dem „Naturkost-Kontor“. Auch Geschäfte und Dienstleister, die zum Bauen gehören, sind bereits dabei, eine Tankstelle in Ottersberg, Naturheilkundler, Masseurinnen, eine Apotheke, Künstler, eine Galerie in Worpswede, Computerfachleute und viele interessante Menschen, die Sie alle kennenlernen können, wenn Sie zu unseren Foren am ersten Dienstag im Monat um 20 Uhr in den Gemeindesaal der Michaelskirche am Rembertikreisel kommen!
Jeder ist Konsument, ob er etwas anbietet oder nicht. Jeder könnte seine Lebensmittel inzwischen mit dieser Regionalwährung „Roland“ bezahlen, denn es sind nicht nur ökologische Geschäfte in und um Bremen, in denen man damit bezahlen kann, sondern auch ein gewöhnlicher Spar-Markt in der Gastfeldstraße (Neustadt). So kann es sich eigentlich auch jeder leisten!
Ein gekauftes Gut regt wiederum die Erzeugung dieses Gutes an. Kaufen wir ökologisch, regt es ökologisches Produzieren an. Derartige Güter verursachen keine so hohen Umwelt- und Sozialkosten, die in Fertigung, Vertrieb und Verkauf von Billigprodukten bis heute nicht einberechnet werden. Wir wollen den hilflosen Politikern nicht hinterherlaufen, sondern die Dinge in die eigenen Hände nehmen und gemeinsam unsere Zukunft gestalten!
Quelle: Bremer Montagsdemo

