Kieler Nachrichten vom 23.08.2006: Was zählt, ist das Regionalgeld
Vom Schülerprojekt zur Jugendbotschafterin: Mirjam Fochler (20) ist von der Idee des Regionalgelds überzeugt, durch das Gutscheinssystem die regionale Wirtschaft und Kultur zu stärken.
Kiel – Manchmal passieren einem entscheidende Dinge ohne dass man es merkt. Wie bei Mirjam Fochler. Als sie mit 16 Jahren in der Schule eine Unternehmensidee umsetzen sollte, entschied sie sich für das Thema Regionalgeld. "Das klang einfach interessant.
Ahnung hatte ich aber keine." Heute als 20-Jährige ist sie längst Profi und versucht als "Juniorbotschafterin", andere Jugendliche von der Idee des Regionalgeldes zu überzeugen. Das Thema ist sperrig und am besten lässt es sich begreifen, wenn man erst einmal einen der Geldscheine in die Hand nimmt, die Mirjam Fochler mit fünf Mitschülerinnen als Zahlungsmittel entwickelt und ab 2003 in Umlauf gebracht hat: "1 Chiemgauer" steht darauf, denn mit diesem Schein kann man nur in der Region am Chiemsee einkaufen, aus der Mirjam stammt.
"Dort tausche ich zunächst meine Euros gegen Chiemgauer ein und kaufe dann zum Beispiel bei uns im Ort eine Kinokarte damit", erklärt die 20-Jährige und ist darauf eingestellt, dass an dieser Stelle die Frage kommt: Und was soll das? Bekomm ich die Kinokarte dann billiger? "Nein, die kostet genauso viel Euro wie Chiemgauer. Aber das Regionalgeld stärkt die heimische Wirtschaft, denn es wird nur von regionalen Geschäften angenommen, nicht aber von überregionalen oder gar internationalen Ketten. Das Geld bleibt also vor Ort", erklärt die frischgebackene Abiturientin.
Gleichzeitig sei der Anreiz hoch, dass Regionalgeld auch wirklich zügig auszugeben, denn der Chiemgauer gilt nur ein Vierteljahr. Dann verliert er an Wert. Auf diese Weise wird schnell ein Kreislauf in Gang gesetzt. Die Untersuchungen haben gezeigt, dass der Chiemgauer dreimal so schnell zirkuliert wie der Euro. Einen Umsatz von 700 000 Euro haben die 380 beteiligten Unternehmen – vom Rechtsanwalt bis zum Frisiersalon und Autohaus – allein im Jahr 2005 mit dem Chiemgauer gemacht. Was Mirjam Fochler aber am meisten überzeugt. Wer mit dem Chiemgauer einkauft, bekommt genauso viel wie für Euro, fördert aber gleichzeitig kulturelle und soziale Einrichtungen vor Ort: Denn drei Prozent werden an ein selbst gewähltes Projekt – etwa den Sportverein um die Ecke – überwiesen. "Das ist der Dank der heimischen Wirtschaft. Wenn Kunden mit Scheckkarte bezahlen, müssen die Geschäfte stattdessen ja Gebühren zahlen."
Was als Schülerunternehmen begann, ist inzwischen längst zu einem großen Verein mit vielen Ehrenamtlern geworden. Mirjam Fochler hat sich zwar aus der aktiven Mitarbeit zurückgezogen, weil sie sich auf ihr Abi konzentrieren musste und nun studieren will. Eigentlich sollten es Sprachen werden, aber dank des Regionalgeld-Projekts hat sie sich nun für Wirtschaftswissenschaften entschieden. Aber erst einmal informiert sie in Schleswig-Holstein und anderen Bundesländern junge Leute in Schulen, im Konfirmandenunterricht und Jugendeinrichtungen über Regionalgeld. Organisiert hat das der Verein "Regionalgeld Schleswig-Holstein": "Wir sind bisher das einzige Flächenland, in dem Regionalgeld – der "Kannwas" – gilt", erklärt Vorstandsmitglied Falk Münchbach aus Kiel, "und weil wir die Jugend auch dafür begeistern wollten, hatten wir die Idee mit der Jugendbotschafterin." Von Heike Stüben

